An den Rand notiert: Listen 1775 bis 1799
Andreas Burmester
Die Neuenstädter Landkaufleute

Die von Claudia Selheim [1] bearbeiteten Inventare der Händlerdynastie Hochstetter aus Neuenstadt am Kocher bereichern das noch lose Ende unserer Vertriebskette: Den Landkaufmann in einem Städtchen von 1.178 Einwohnern (für 1782). Anlaufpunkt für den, der Kurzwaren, Eisenwaren, Haushaltswaren, Textilien, Spezereien, Siegellack, Papiere, Tabak, ein Schwätzchen und … Farb Waaren sucht. Gegründet um 1730, versorgen die Hochstetters diese ländlich geprägte Kleinstadt. Mit dem Aussterben der Neuenstädter Nebenlinie des Hauses Württemberg im Jahr 1742 und die dadurch bedingte Verlagerung des Beamtenapparates nach Stuttgart erleidet die Stadt einen schleichenden Bedeutungsverlust. Das Inventar Hochstetter 1778 wurde anlässlich der Geschäftsübergabe von Friedrich August Hochstetter an seinen Sohn Christian Friedrich erstellt. Allen Widernissen zum Trotz, führt dieser den Laden in blühende Zeiten: War das Firmenvermögen 1778 noch rund 8.400 Gulden, wird das Geschäft 1789 zu rund 17.600 Gulden taxiert. Nach dem Tod des angesehenen Christian Friedrich um 1822 geht das Geschäft an den Sohn Carl Friedrich über: Keine gute Entscheidung, denn der junge Mann ist der Jagd und dem Vergnügen weit mehr zugeneigt als seinem staubigen Kontor und den Mühsalen des Alltags. 1822 ist der Wert des Geschäftes auf rund 6.800 Gulden gesunken. Wie das sorgsam erstellte Inventar Hochstetter 1822 zeigt, sind die vorgefundenen Mengen mager, wir bewegen uns für vieles im Pfundbereich … und der Konkurs 1832 nicht überraschend. Das Geschäft wird bis in die 1980er Jahre von einem anderen Zweig der Familie fortgeführt.
Zwanzigtausend Pfund Indigo
Über die Menge an Gütern, die in 1.130 Schiffen von „See= Strohm= und Landwärts eingekommen sind“ – also die importierten Waren –, vermitteln uns Königsberger Listen vom Jahr 1791 eine Vorstellung [2]. Von Farben sind 40.451 Pfund Bleyweiß, 20.511 Pfund Indigo, 2.538 Pfund Blaue Smalte und 78 Pfund Saffran gelistet! Der hochpreisige Safran wird jedoch vor allem als Gewürz verkauft worden sein. 200.597 Pfund Brasilianisches Holz, 93.500 Pfund Alaun, 47.570 Pfund Kupferwasser (Vitriol) und 35.567 Pfund Krapp(wurzel) mögen auch in der Farbherstellung oder der Färberei Verwendung gefunden haben. Setzt man die genannten Mengen in Relation zu 1.466.000 Pfund allerley Sorten Tobak, 1.499.712 Pfund Zucker, 382.868 Pfund Syrup, 889.524 Pfund Kaffeebohnen oder 6.790 Pfund Thee, so wird nachvollziehbar, dass viele Materialisten in Tabak, Zucker und Kaffee ihr Hauptgeschäftsfeld suchten. Über den Königsberger Hafen – die beiden schiffbaren Arme des Flusslaufs des Pregels – lief aber vor allem der Export von landwirtschaftlichen Produkten wie Weizen, Gerste, Saatgut und Schweineborsten. Von den rund 2.600 Stein Wachs (1 Stein 7 bis 11,5 kg) gehen auf dem Seeweg u. a. 1.281 Stein nach Lübeck, Bremen und Hamburg, 819 Stein nach Holland, 249 Stein nach England und 120 Stein nach Dänemark.
Warenlexika
Der zunehmenden Wirkungsmacht von Inventaren und Krantaxen steht ein schleichend verblassender Eindruck unserer Taxen gegenüber. So findet sich jetzt auch in Schedels Waaren-Lexikon 1791 [3] die treffende Anmerkung, dass im Fall von Oelfarben die vornehmsten und gewöhnlichsten eben von Materialisten gehandelt würden. Es bestätigt unseren Eindruck, dass die Apotheke ihre Rolle im Farbhandel verloren hat. An den seit Jahrhunderten etablierten Bezeichnungen ändert sich jedoch nichts: Es bleibt im Weiß bei Bleyweiß, Kremserweiß, Schieferweiß, im Schwarz bei Beinschwarz, Elfenbeinschwarz, Kiehnruß, im Braun bei Braunroth, cyprischer Erde, cöllnischer Erde, englischer Erde, Umbra, dunkelem Ocher, im Roth bei Karmin, Zinnober, Berlinerroth, Wienerlack, Mennige, Florentinerlack, Kolumbinlack, Rothstein, rothem Bolus, Kugellack, geschlagen Kupfer, im Blau bei Ultramarin, Berlinerblau, Indigo, Smalte, Weid, im Gelb bei Rauschgelb, Schüttgelb, Bleygelb, Auripigment, gelbem Ocher, Neaplisch Gelb, geschlagen Gold, Messing, Gummigutt und im Grün bei Terra verde, grüner Erde, Berggrün, gemeinem und kristallisirtem Grünspan und manch anderer Farbe. Stoff für mehr!

Bedeutungsverlust
Die Apotheke verliert sichtlich an Bedeutung für den Farbhandel. Gleichwohl findet sich immer noch der eine oder andere Baustein, der das Bild vervollständigt. Fulda 1785 ist die verbesserte Nachfolgertaxe von Fulda 1728, die durch „die Wirkung der Zeit“, aber auch wegen des „Wechsel[s] des Nahrungswerthes“ – also der Kaufkraft – als überholt galt. Da für die Taxe Fulda 1785 der Teil der Composita zur Drucklegung nicht fertig wurde, orientiert sich die doppelseitig angelegte Taxe Fulda 1785 behelfsweise an vermutlich Wien 1765. Eine vervollständigte Fuldaer Taxe erschien bereits im Folgejahr. In Fulda 1785 fehlt der Eintrag zu Grünspan, in Fulda 1786 ist er mit Viride aeris 2 Loth zu 3 Kreuzern nachgetragen. Die Simplicia wurden in der Regel von Frankfurt eingekauft und durften dann in gewohnter Weise mit 25%igem Aufschlag weiterverkauft werden. Kräuter, Blumen, Wurzeln und ähnliches sollten regional bezogen werden – so würden wir das heute formulieren – damit „das Geld dafür im Lande bleibe, und auch der Werth desselben dem Unterthanen erträglicher werden“. Im Gegensatz zu anderen Taxen bezog sich die getroffene Auswahl der pharmazeutischen Zubereitungen (Medikamente) nicht nur auf das Dispensatorium Augustanum, sondern der Apotheker sollte sich aller „den der medizinischen Fakultät eingeführten besten Dispensatoriis“ bedienen, vor allem jedoch „zum Besten der Armen“ der Prager „Pharmacopoeam pauperum“. In Fulda 1791 fehlende Waren belegen, dass die Fuldaer Apotheken – darunter die 1549 gegründete Löwen Apotheke und die 1658 eröffnete Hof-Apotheke – zum Ende des 18. Jhs. ihre Rolle zur Versorgung mit Farbwaren verloren hatten.

Nicht anders sieht es in Hannover 1799 aus. Die Beschränkung auf pharmazeutisch nutzbare Waren ist auffällig: Keine Blaufarben, leider auch kein Berlinerblau, kein Bleigelb, von Neapelgelb ganz zu schweigen, kein Lackmus, kein Terpentinöl … Das Bemühen des Verfassers, des Königlich=Großbritannischen Leibmedicus L. F. B. Lentin, knapp zu bleiben und nur die „moderne“ pharmazeutischen Rezepturen zu bedienen, also alles in seinen Augen Überholte wegzulassen, stieß möglichenfalls nicht auf ungeteilte Begeisterung. Ein umfangreicher Nachtrag war die Folge: Dieser listet nicht nur Waren mit "erhöheten" oder "erniedrigten" Preisen, sondern vor allem vergessene. Da die Taxe offenkundig kurz nach Michaeli, also dem 29.9.1798 gesetzt war und in den Druck gehen sollte, blieb deshalb aus Zeitgründen nur jener nachgeschaltete mehrseitige Nachtrag. Das Druckbild ließ Raum, sowohl zum Ostermarkt wie zum Michaelistag die Preise anzupassen, freie Spalten erlaubten handschriftliche Korrekturen.
[1] Claudia Selheim: Die Inventare eines süddeutschen Warenlagers zwischen 1778 und 1824. Beiträge zur Aufarbeitung einer Realienquelle, Würzburg 1989.
[2] Anon.: Königsberger Listen vom Jahr 1791, in: Journal für Fabrik, Manufaktur und Handlung, Bd. 2, Leipzig 1796 (2. Auflage des Journals von 1792), S. 143-146.
[3] Siehe im Glossar, Verwendete Literatur a)
Dieser Beitrag ist zu zitieren als Andreas Burmester: An den Rand notiert. Anmerkungen zur Digitalen Materialkammer (aktualisierte Fassung 2026), www.taxenprojekt.de.
Zeitstrahl bis 1574 [] ab 1575 [] ab 1600 [] ab 1625 [] ab 1650 [] ab 1675 [] ab 1700 [] ab 1725 [] ab 1750 [] ab 1775 [] ab 1800